Auszug aus der umfangreichen handschriftlichen Aufzeichnung
des Carl v. Sivers-Morne aus dem Jahr 1928.
(unveränderter Originaltext)


Peter von Sivers Admiral
(geb. 1674 gest. 1740)

Dänischer Marineleutnant. Russischer Admiral. Vicepräsident des Admiralitäts-Collegiums. Ritter des Alexander-Newski-Ordens. Erbauer und erster Befehlshaber des Revaler Ports. Erbauer des Hafens und Canals in Kronstadt. Befehlshaber der Festung Kronstadt. Besitzer der Herrschaft Hydola in Finnland (Carelien).

Über den Admiral Peter von Sivers ist viel geschrieben worden. In allen grösseren Biographien Peter des Grossen wird er erwähnt. Eine ausführliche Biographie des Admirals für diese Chronik zu schreiben war mir leider nicht möglich, da unter der jetzigen Bolschewikenschaft in Russland, die dortigen Archive der Forschung nicht zugänglich sind. Ich muss mich daher darauf beschränken, eine lose Folge von Daten und Begebenheiten aus seinem Leben zu verzeichnen.

Peter von Sivers war Däne. Die Liebe zum Meer hatte er von seinem Vater, der als Kapitänleutnant in der königlich-dänischen Kriegsflotte diente, geerbt. 1689 trat er in die dänische Marine ein. 1692 nahm er mit Erlaubnis seines Königs dienst in der französischen Marine und macht die Seeschlacht bei La Hague mit. 1693 war er in der Schlacht bei Gibraltar und 1694 bei der Belagerung von Palamos.

Dann kam er nach Dänemark zurück. 1700 reiste er wieder nach Frankreich, von wo ihn der König von Dänemark zurückrief und in der Kriegsflotte anstellte. 1701 wurde das königlich-dänische Seekadettencorps errichtet und Sivers als Adjutant zur Formierung desselben angestellt 1703 machte der russische Gesandte am dänischen Hofe Kaiser Peter I auf Sivers Tüchtigkeit aufmerksam. Im Februar 1704 hatte Sivers mehrere Zusammenkünfte mit dem russischen Gesandten. Am 10. Mai 1704 schloss Sivers mit dem russischen Gesandten, Andrei Ismailof und der Genehmigung seines Königs einen Vertrag und ging aus dänische in russische Dienst über mit dem Rang eines Kapitäns. Geheimrat von Walter, Hofmann und Günstling König Friedrich IV , in dessen Hause Sivers verkehrte, gab ihm ein schmeichelhaftes Empfehlungsschreiben an den dänischen Gesandten in Moskau mit. Aus den Tagebüchern der Admiralität ist zu ersehen, dass Sivers anfänglich im finnischen Meerbusen und dann auf der Flotte auf der Donau dient. 1706 macht er die Belagerung von Wiburg mit. Am 3. Dezember 1706 heiratete er Sophie Elisabeth von Nummers , Tochter des Kapitäns von Nummers und der Lucretia, geborene von Knorring . Die Familie von Nummers stammt aus Schweden. 1708 wurde er Equipagenmeister der Admiralität in Petersburg. 1712 Befehlshaber der Brigantine Nr. 2. 1713 Kapitän II. Ranges.

Als die in England gekauften Schiffe Victorie, Starfort und Oxford in Reval ankamen, sandte der Kaiser Sivers dorthin, um die Schiffe in Empfang zu nehmen. 1713 commandierte er 30 Schiffe unter dem Oberbefehl des Generaladmirals Grafen Apraxin während der Kriegsexpedition nach Finnland. Den 1. Mai 1714 wurde er zum Kapitänscommandeur der Revalschen Flotte ernannt und führte mehrere Jahre die Oberaufsicht über den Hafenbau in Reval.

1714 commandierte er die Arriergarde in der Seeschlacht bei Hangud unter dem Befehl des Kaisers, der als Contreadmiral die Flotte en Chef commandierte. Sivers soll mit Erfolg Peter des Grossen Politik zu Gunsten Dänemarks beeinflusst haben. Von besonderem Einfluss scheint er auf dem mit russischer Hilfe geplanten Einfall in Schweden im Jahre 1716 gewesen zu sein, um Carl XII endlich zum Frieden zu zwingen. Er führte bei dieser Gelegenheit die russische Escada von Reval nach Kopenhagen und war auf dieser Fahrt, wie er dem Kaiser berichtete, auf kein feindliches Schiff gestossen. Es war die erste Fahrt, die russische Kriegsschiffe aus der Ostsee in die Nordsee machten.

Den 28. März 1716 wurde Sivers von der Estländischen-Ritterschaft in die Estländischen Adelsmartikel aufgenommen. Im November 1716 zerstörte ein heftiger Sturm einen Teil der neuen noch nicht fertig gewordenen von Sivers gebauten Hafenanlagen in Reval, wobei viele Schiffe beschädigt wurde. Sivers Feinde, deren er am Hofe nicht wenige hatte und die ihn beim Kaiser, dessen Günstling er war, anschwärzten, benutzten die Gelegenheit, um ihn zu Fall zu bringen. Obwohl er an diesem Unglück unschuldig war, so wussten seine Gegner durch Verleumdung seine Stellung so zu erschüttern, dass er beim Kaiser um seine Verabschiedung und Rückkehr nach Dänemark einkam. Der Grossadmiral Graf Apraxin , sein Vorgesetzter und Freund, überzeugte den Kaiser, dass Sivers Fortgang ein großer Verlust für die russische Marine seien würde. Sivers blieb und erfreute sich wieder der Gunst Peter I

1717 Im russisch-schwedischen Kriege unter dem Oberbefehlshaber Grafen Apraxin dirigierte Sivers die Landung auf der Insel Gothland.

1719 wurde er zum Contreadmiral ernannt und commandierte die Avantgarde des Flotte unter dem als Viceadmiral commandierenden Kaiser. In dessen Abwesenheit die ganze Flotte en Chef. 1720 bis 1721 commandierte Sivers die Flotte en Chef und wurde 1721 zum Viceadmiral ernannt.

1723 war er Hauptbefehlshaber von Kronstadt. Nach Berg (s. Wilhelm von Helmersen . Lebensgeschichte des Admirals Peter v. Sivers. Familienarchiv in Heimthal) soll der Name Kronstadt erst von Sivers Aufenthalt datieren. Nach anderen Quelle soll Sivers Kronschlott in Kronstadt umbenannt haben nach Wilhelm von Helmersen gibt es keinen Ukas einer solchen Umbenennung.

Bei der Feier des Friedensschlusses von Nystadt (27. November 1721) wurde Sivers zum Mitglied des Kaiserlichen-Admiralitäts-Collegium ernannt. Mehr als je erfreute er sich besonderen Gunst Peter des Grossen und der Freundschaft des Grafen Apraxin , in dienstlichen Angelegenheiten, als im persönlichen Verkehr.

Zu allen Beratungen, die Flotte betrafen, wurde er hinzugezogen und stets vom Kaiser zur Besichtigung neuer Schiffe mitgenommen. Peter I. übertrug ihm auch den Kanal und Hafenbau von Kronstadt. Bei dem feierlichen Begräbnis Peter des Grossen (8. Februar 1725) ging Viceadmiral von Sivers neben dem Sarge seines Monarchen und Gönners und trug das Reichszepter.

In den meisten Biographien des Admiralen findet man nachfolgende Begebenheit verzeichnet. Eines Tages erscheint der Zar in angetrunkem Zustande auf dem von Sivers befehligten Geschwader im Finnischen Meerbusen und befiehlt, die Flotte zum Manöver auslaufen zu lassen. Sivers erlaubt sich Gegenvorstellungen, da Wind und Wetter bedrohlich wären und für die Flotte gefährlich werden könnte. Der Zar besteht jedoch mit Ungestüm auf seine Forderung und stösst mit seinem Degen nach Sivers, der aber geschickt ausweicht. Der Zar übernimmt jetzt persönlich das Commando und lässt die Flotte auslaufen. Der Sturm wird immer heftiger und die Schiffe zerstreuen sich nach allen Richtungen, der Zar verliert in seinem Zustand den Kopf und poltert von der Commandobrücke auf Deck. Sivers erfasst ihn, legt eine eiserne Kette um seinen Leib, befestigt diese an den Balken der Commandeurskajüte und riegelt die Tür hinter sich ab. Darauf besteigt er die Commandobrücke, gibt Befehl zu Sammeln der Flotte und führt auch glücklich die zerstreuten Schiffe in den Hafen zurück. Nun öffnet Sivers die Kajüte, wo seine zarische Mach in aller Ruhe ihren Rausch ausschläft. Sivers löst die Kette und entfernt sich still, um sein Schicksal zu erwarten. Als der Zar nach einer Weile erscheint, geht Sivers ihm salutierend entgegen und begehrt seinen Abschied. Der Zar aber klopft ihm auf die Schulter und dankt ihm für die glückliche Errettung seiner Flotte. Ein Stück dieser Kette wurde in der Familie Sivers zum Andenken an diese Ereignis und die Bravour ihrer Ahnherrn aufbewahrt.

Sivers, der ein grosses Selbstbewusstsein und einen leidenschaftlichen Charakter hatte, ist oft mit dem Kaiser hart aneinander geraten. Besonders in Marineangelegenheiten und speciell bei Flottenübungen, wenn der Kaiser selbst das Commando übernahm, gab es oft heftigen Streit zwischen dem Zaren und Sivers. Bei einem anderen Manöver, in welchen der Zar 9 Schiffe und Fürst Menschikov 9 Schiffe commandierte, erregten einige Kapitäne, die nach Ansicht des Zaren manövriert hatten, den Zorn desselben und er liess sie arretieren. Sivers trat für die Bestraften ein und es kam zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Zaren und Sivers. Von diesem Disput zwischen dem Zaren und Admiral von Sivers während des Flottenmanövers erzählt Bergholz in seinem, auf einer Reise mit Herzog Carl-Friedrich von Holstein geführtem Tagebuch. Er beschreibt erst das Manöver und bemerkt: "Auch soll der Zar einen heftigen Disput selbigesmal mit der Contreadmiral von Sivers gehabt habe, als welcher der Officiere Party ein wenig zu heftig genommen und dem Zaren das Versehen einigermassen mit zuschreiben wollen, wobey die Gesellschaft des Zaren Geduld nicht hat genügsam bewundern können."

Als Sivers Sohn "Carl Gerhard" 1710 getauft wurde, erschienen als Taufpaten der Zar und der dänische Viceadmiral Juel . Bei dieser Festlichkeit trank Peter I. die ganze Nacht hindurch übermässig viel. Er geriet mit dem dort anwesenden Fürst Menschikov in heftigen Wortwechsel, der damit endete, dass der betrunken Zar eigenhändig Menschikov aus einem Fenster der Sivers´schen Wohnung warf. Nach einer anderen Version hat diese Szene nicht zur Taufe, sondern zu einer Geburtstagsfeier im Sivers´schen Haus sich abgespielt.

Die Kaiserin Catharina I. die nach dem Tode ihres Mannes sich zur Selbstherrscherin aller Russen erklären liess, bevorzugte besonders die Kampfgenossen ihren grossen Gemahls. Auch Sivers erfreute sich in reichem Mass ihrer Huld. Im Jahre 1725 verlieh sie ihm die Herrschaft Hydola (7 Rittergüter nebst allen dazugehörigen Bauernhöfen) im Wiboryschen Gouvernement. Am 21. Mai 1725 erhielt es den Alexander-Newski-Ordens (den höchsten Orden in Russland) und den 6. Mai 1727 wurde er zum Admiral ernannt. Auch Katharina I. , ihr Nachfolger Peter II schätzt in Sivers des Zeitgenossen seines Grossvaters und Mitbegründer des russischen Reiches. Er ernannte ihn zum Vizepräsidenten im Admirals-Collegium (1. November 1727)und liess ihn nach und nach die ganze Leitung der Marineangelegenheiten übertragen, während er den Präsidenten Grossadmiral Graf Apraxin mehr und mehr in seine Umgebung nach Moskau zog.

Im November 1728 starb Apraxin . Am 2. Februar 1729 kam Sivers ins Admiralscollegium und befahl in das Journal einzutragen, dass er den Präsidentenstuhl einnähme. Diese eigenmächtige Handlungsweise des Admirals, zu der Peter II schwieg, wurde als Anna den Thron bestieg, von Sivers Feinden den Grafen Münich und Ostermann gründlich ausgebeutet. Sivers fühlte sich auf dem höchsten Gipfel seiner Macht. Der Kaiser liess ihn schalten und walten wie er wollte. Im Admirals -Collegium wagte keines der Mitglieder sich seinen Anordnungen zu widersetzen, oder irgendwelche Bedenken zu erheben. Er schlug alle Beförderungen vor, placierte vorteilhaft seine Söhne und war unumschränkter Gebieter der russischen Flotte. Sivers ahnte nicht, wie nah sein Sturz war und wie tief er fallen sollte.

Als die Kaiserin Anna den Thron bestieg, gelang es endlich Ostermann , der vom kleinen Schreiber zum Grafen und Vizekanzler emporgestiegen war, sein Ziel zu erreichen und Sivers durch Verleumdung zu Fall zu bringen. Sivers wurde beschuldigt, die Kaiserin Anna nicht gleich anerkannt zu haben. Er wurde unschuldig und unverhört auf Lebenszeit auf seine Herrschaft Hydola verbannt. Sein Haus wurde eingezogen und seine Söhne gleichfalls in die Verbannung geschickt. Innerhalb vier Stunden musste er mit seiner Familie Petersburg verlassen. Ostermann verfolgte Sivers noch in der Verbannung mit seinem Hass. Er liess öfters seine Post abfangen und als Sivers Leibeigene meuterten nahm er sich der Rebellen an. Alt (Acht?) Jahre lebte Sivers mit seiner Familie in der Verbannung. Da wurde er zu Anfang des Jahres 1740 von einer schweren Krankheit befallen und entschloss sich auf Zureden seiner Familie eine Bittschrift an die Zarin zu richten, die , selbst kränkelnd, versöhnlich gestimmt war. Im Jahre 1740 ging dem Admirals-Collegium vom Senat die Mitteilung zu, dass er Admiral von Sivers aus besondeneren kaiserlichen Gnaden gestattet wäre, nach Petersburg zu kommen, um sich wegen ernstlicher Erkrankung in ärztliche Behandlung zu begeben. Sivers kam und genas unerwartet, aber schon am 10. Mai desselben Jahres (1740) machte ein Schlagfluss seinem Leben ein plötzliches Ende. Er starb in den Armen seines Sohnes Friedrich-Wilhelm und wurde in der Kirche in Hydola begraben. Seine Grabplatte hat folgende Inschrift:

* P.A.Z diese drei Buchstaben, die procul a tyrannide bedeuten,
wurden auf Wunsch des Admirals seiner Grabschrift eingefügt.

Im Nachtrag hat Carl Sivers-Morne noch folgende Anekdoten niedergeschrieben:

Als Peter der Grosse einmal auf einem von Sivers befehligten Schiff der Insel auf der später Kronstadt erbaut wurde, vorüberfuhr, wandte er sich an Sivers und sprach "Sivers, ich schenke Dir diese Insel". Später tauschte der Zar gegen Bauplätze in Petersburg die Insel zurück und als er dann die Sivers´schen Grundstücke für Regierungsbauten benötigte, tauschte er abermals mit Sivers gegen andere Bauplätze in Petersburg. Beim letzten Tausch soll Sivers ein sehr schlechtes Geschäft gemacht haben. Der Platz, wo jetzt des Admiralitätegebäude steht die umliegenden Häuserkarräs sowie 1/6 des Newski-Prospekts haben dem Admiral gehört.

Die Ursachen von Sivers Fall sind noch in Dunkel gehüllt. Eingehende Forschungen sind wegen Unzugänglichkeit der kaiserlichen Geheimarchive nicht möglich. Mannstein erzählte, dass Sivers bei der Thronbesteigung der Kaiserin Anna aus zu grosser Vorsicht mit der Eidesleistung zögerte und deswegen von seinen Feinden bei der Kaiserin angeschwärzt wurde und in Ungnade fiel. Sivers selbst hat die Grafen Münich und Ostermann für die Urheber seiner Falles angesehen. Ostermann glühender Hass auf Sivers stammte noch aus der Zeit als er (Ostermann) ein kleiner Schreiber beim Viceadmiral Cruys war. Eines Tages ertappte Sivers den Schreiber Ostermann , als derselbe Händel mit Flottenofficieren anstiftete. Sivers ohrfeigte Ostermann und warf ihn mit einem Fusstritt aus der Tür. Seitdem war Ostermann sein Totfeind.

Die Kaiserin Elisabeth versuchte das Unrecht, das ihre Vorgängerin, die Russin Anna, Sivers und seiner Familie zugefügt hatte, an seiner Witwe und seinen Kinder gut zu machen. Sie setzte der Witwe eine bedeutende Pension aus und verlieh den Kindern die Rittergüter Euseküll, Morne und Heimthal nebst alles dazugehörigen Bauernländerein, wie es aus der Schenkungsurkunde heisst "Zum ewigen Besitz".

Angehörige des Familienverbandes können eine Kopie dieser Familienchronik vom Familienvorstand gegen Unkostenerstattung beziehen.
e-mail: jochenvonsivers@sivers-family.de